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Ein Krönchen für Richard

Wenn ein totgefeierter Wein aufersteht, kann das ruhig schräg sein. Anders würde ihn kein Weintrinker ernst nehmen. So bitzelt der Lambrusco auf der Zunge wie früher, doch ist er nicht mehr zwei-liter-billig und kopfweh-süß, sondern zeitgeistig leicht und belebend. „Wir machen den Lambrusco trocken, wie früher“, sagt Dante Verrini, Marketingleiter der Kellerei Bassoli in Carpi bei Modena. Nur im Outfit sind die Bassoli jetzt vornedran: Für ihren Lambrusco stehen unterschiedliche Etiketten zur Auswahl. Je nach Laune der Kunden. Ganz lässt sich der Perlwein eben nicht bändigen.

Cantina Bassoli Showroom
Dante Verrini

Haben Sie schon das Bad gesehen?

Sind wir hier richtig? Wir warten in einem Raum, der aussieht wie das Studio eines Stylisten. Ein weißes Sofa mit Kissen, Lampen wie Christbaumkugeln, Teppiche, eine Wand voll mit Fotos in Schwarzweiß, und im Raum verteilt minimalistische Fahrräder, nie haben wir elegantere gesehen. Aber ja. Draußen stehen Holzfässer, es riecht nach vergorenem Wein, und auch die Dame, die uns hereingebeten hat, war sich sicher, dass wir einen Termin haben. Ein Blick auf den Luster über dem Tisch gibt uns das Selbstvertrauen zurück: grüne Weinflaschen, am Hals aufgehängt. Es wird schon richtig sein. Als Dante Verrini (im Bild mit Zibibbo-Machern Thomas Steurer und Christoph Reden) den Salon betritt, kommt er unserer Frage zuvor: „Haben Sie schon das Bad gesehen?“ Ja. Mit Perserteppich. Davide lächelt. „Die Frau des Kellereibesitzers hat ein eigenes Modelabel. Sie und der Architekt haben die Einrichtung übernommen.“ Dem Marketing, das Dante bei Bassoli betreut, kommt das entgegen.

Paolo Bassoli

In Gummistiefeln ist Paolo Bassoli in seinem Element  

Seniorchef Paolo Bassoli ist draußen bei den Reben. Wir sehen nur seinen Rücken. In Gummistiefeln stochert er in der Erde. Die Pflänzchen, denen er Luft vom Unkraut verschaffen will, sind so winzig, dass man sie kaum sieht. Als wir uns nähern, schaut er kaum auf. Er spricht wohl lieber mit den Sorbara-Reben als mit Menschen. Und mit Artù, einem roten Cocker Spaniel, der aufgedreht herumspringt. Paolo Bassoli ist ein Verfechter natürlicher Landwirtschaft. An seine Reben, die gleich an die Kellerei anschließen, lässt er keine Chemie. „Die Natur gibt dir den Virus, aber auch die Medizin“, erklärt Dante die Philosophie der Kellerei, „Paolo ist überzeugt, wenn die Pflanze gesund ist, schafft sie das.“ 

Wir sind unschlüssig: Entweder passt in dieser Kellerei gar nichts zusammen oder alles ist nach dem Muster konzipiert, dass Gegensätzliches sich anzieht. Verwirrend, diese Stimmungsschwankungen. Da ist Paolo oder das Wilde, das sich in die Hände der Natur begibt, und dann gibt es das Designte, das nichts dem Zufall überlässt. Dante, der das täglich lebt, lässt sich nichts anmerken. Er kommt ursprünglich aus der Autoindustrie. „Hier in Modena wirst du entweder mit Autos groß oder mit Wein“, lacht er. Wir zählen auf: Ferrari, Lamborghini, Maserati. „Pagani trinkt unseren Wein“. Pagani? „Ja, der verkauft nur 44 Autos im Jahr.“ Nie gehört. Sie? In welcher Liga sind wir hier?

Cantina Bassoli

Was überdauert, ist Qualität

Seit 1922 wird in der Kellerei Bassoli in Carpi Wein hergestellt. Vor allem Lambrusco. Eben wie ein Blatt und von Kanälen durchzogen liegt hier die Landschaft. Früher wurden die Trauben mit der Hand geerntet, heute ist das alte Wissen eingebettet in Hochtechnologie. Nach einem schweren Erdbeben musste die Kellerei 2012 neu aufgebaut werden. Nun gänzlich aus Holz und mit Mauern, die 85 Zentimeter dick sind. Qualität ist für die Kellerei das Einzige, was überdauert: in ihrem Fall sind das 300.000 Flaschen im Jahr.

Flasche Bassoli

Die Dynastie von König Richard

Der große Aufbruch der Bassoli beginnt Anfang der 1990er Jahre mit der Geburt des Sohnes Riccardo. Er ist nach dem Großvater benannt. Mit Absicht. Jetzt gründen die Bassoli eine Dynastie. Von den Windeln bis zum Wein. Der Lambrusco wird wieder so produziert, wie er den Bassoli schmeckt, nicht irgendwelchen Partylöwen auf der Suche nach einem modischen Getränk. Trocken. Bei 11 Grad Alkohol. Von dunklem Rot. Re Riccardo, König Riccardo, wird die neue Linie genannt. Der Auftritt lässt keine Fragen offen: Um den Flaschenhals hängt ein echtes Krönchen, das per Siegelstempel am Glas befestigt wird. 

Gleichzeitig haben die Bassoli in den vergangenen Jahren die ehrwürdige Schwere des Weinmetiers abgelegt. Der wahre König in der Kellerei ist der Kunde. Deshalb sind etwa die Etiketten der neuen Weine nicht notgedrungen festgelegt; jeder kann hier seine Flaschen individuell branden lassen. Selbst die Farbe der Flaschen ist ein Optional. Dante Verrini: „Dann wird der Sorbara, der eigentlich lichtempfindlich ist und eine dunkle Flasche braucht, auch in weißes Glas abgefüllt.“ Der eigene Wille ist eben doch ein Königreich.

Thomas Steurer

Lauter Einzelstücke

In der Kellerei Bassoli wird menschliche Nähe gelebt. Paolo Bassoli, der am liebsten im Weinberg ist, dankt über einen QR-Code auf jeder Weinflasche für den Kauf seines Weins. Riccardo rührt die Werbetrommel auf Messen und Events. Erfolgreich. Mehrfach wurden die Bassoli Weine bereits ausgezeichnet. Maurizia, Paolos Frau und Riccardos Mutter, designt Tür an Tür mit der Kellerei ihre Strickwaren. Und Artù? „Arturino?“, lockt Dante, als der rote Cocker in den Salon hüpft und den Ausgang nicht mehr findet. „Artù!“ Der Hund folgt null.

Anders als wir. Dante will, dass wir unsere eigene Flasche siegeln. Wir geben unser Bestes (im Bild Zibibbo-Macher Thomas Steurer). Kann die dickflüssige rote Farbe sich wirklich so verlaufen? Oh ja. Mist. Kein anderer würde unsere Flasche Lambrusco wollen. So viel ist sicher. 

Im gleichen Raum hängt die neue Strickkollektion des Labels Maurizia G. Lauter Einzelstücke.