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Auch der Amarone braucht eine Psychologin

Elena ist Einzelkind. Und sie war das einzige Mädchen in der Familie Farina. Nie hatte sie daran gedacht, die Kellerei zu übernehmen. Ihr Vater hat ihr alle Wege offengelassen. Zudem gab es da ihre Cousins. Elena studierte Psychologie, wie sie es wollte. Dann kam alles anders. 2003 starb ihr Vater. Sie sah es als ihre Pflicht, weiterzuführen, was er aufgebaut hatte. Kurz vorher war ihr Cousin Claudio in die Kellerei eingetreten. Er hatte bis dahin in der Schuhbranche gearbeitet. Heute machen sie zusammen den besten Amarone, den die alteingesessene Kellerei in der Valpolicella je produziert hat. Vielleicht weil sie nicht nur an den Wein denken.

Für die Familie

„Das Leben hat für uns entschieden“, sagt Elena heute. Was hätte sie machen sollen? Sie war es ihrem Vater schuldig. Dieser wollte Fußballer werden, hatte sich in die Jugendmannschaft von Inter Mailand hineingekickt, als sein Vater, Elenas Großvater, mit 56 plötzlich verstarb und Remo seinen Traum aufgab. Für die Familie. Jetzt traf es eben sie. Die Farina haben hart geschuftet, um so weit zu kommen. Vor hundert Jahren kauften die drei Brüder jener Gräfin das Gut ab, für die sie früher gearbeitet hatten. Damals wurde Wein noch in großen Fässern, den damigiane, und auf Karren ausgeliefert. Die Brüder zogen an einem Strang, auf dem Gelände versuchten die Frauen und Kinder, miteinander auszukommen. Nicht einfach, wenn alle nebeneinander wohnen, auf engem Raum, Küche an Küche.

Nur einer pro Familie darf in die Firma einsteigen.

Zusammen mit Elena schlendern wir in den alten Hof hinter dem Kellereigebäude. Er ist komplett eingeschlossen von einem Gebäude aus dem 16. Jahrhundert. „Hier lebte meine Großmutter, das war mein Spielplatz“, sagt sie. Meistens spielte sie allein. Die Buben der Familie ließen sie einfach links liegen. Heute ist der Hof durchgestylt. Mitten im Kies rankt sich Gemüse mehr schön als üppig, in der Laube warten Sitzmöbel auf Menschen, die den Wein verkosten, bevor sie ihn kaufen. Nebenan fegen Arbeiter den Asphalt. Nur einer von jeder Familie darf pro Generation in die Firma einsteigen. So sieht es das Statut der Farina vor. Elena hätte gewarnt sein sollen. Sie hat keine Geschwister. „Ich hatte keine Ahnung von Wein“, erinnert sie sich, „ich konnte nicht einmal eine Rechnung ausstellen“. Als Kind, das weiß sie noch, war sie dabei, als die Wagen mit der Ernte in den Hof fuhren und sie half die Trauben abzuladen. Danach haben ihre Großmutter und die anderen Frauen für alle gekocht. „Das war alles, was ich vom Wein wusste.“

Jede Rebe hat ein Gedächtnis.

In 14 Jahren hat sie eine Menge gelernt. Noch wichtiger: Sie hat ihren Zugang zum Wein gefunden. Nicht als Bäuerin, sondern als Psychologin: „Wein ist wie ein Kind, das du aufziehen musst.“ Jede Rebe habe ein Gedächtnis. Wenn in einem Jahr die Klimabedingungen schlecht sind, vergisst sie das nicht so schnell. „Das dauert“, sagt Elena, „aber ich weiß, jede Rebe gibt, wenn sie dazu in der Lage ist.“ Heuer sei so ein Jahr gewesen: wenige Trauben, dafür besonders schöne. Im Granaio, wo früher das Getreide gelagert wurde, sind die Amarone-Trauben auf Plastikgittern zum Trocknen ausgelegt. Jede einzelne wurde mit Bedacht drapiert. „Sie müssen sich berühren und doch nicht berühren“, erklärt Elena, nimmt eine Traube heraus, damit wir sie fotografieren können. Als sie sie wieder zurücklegt, lacht sie verlegen. „Jetzt liegt sie bestimmt falsch.“

Aus den Ohren der Reben wird der Amarone gemacht.

Schimmel auf den Trauben ist das Schlimmste, was einem Amarone-Produzenten passieren kann. Vier Monate lang werden die Trauben, bei Farina vor allem die Rebsorte Corvina, regelmäßig gewendet, aussortiert und belüftet; mit modernster Technologie werden Temperatur und Luftfeuchtigkeit gemessen. Nur die besten schaffen es, nur die äußeren auf der Rebe, die viel Sonne abgekriegt haben. Reci werden sie im Dialekt des Veneto genannt: Ohren. Daher kommt der Name Recioto, der Süßwein, der aus den Trauben gewonnen wird. Beim Amarone, der wie ein Süßwein ausgebaut wird, wird die Gärung nicht gestoppt. Bei der Kelterung wird der gesamte Zucker in Alkohol umgewandelt, so entstehen die bisweilen bitteren Amarone-Aromen. Im Eichenfass reift der Amarone danach mindestens zwei Jahre lang.

Tief drinnen ist der Süßwein bitter.

Bei Farina werden im Jahr 15.000 Flaschen Amarone hergestellt. Vom Amarone Riserva sind es sogar nur 8.000 Flaschen. Keiner weiß mehr, wann man bei Farina mit der Amarone-Herstellung begonnen hat. Vermutlich war es bald nachdem der Amarone entdeckt worden war. Sie haben richtig gelesen. Amarone entstand, weil ein Kellermeister vergesslich war. 1936 fand Adelino Lucchese in der Kellereigenossenschaft von Negrar, wenige Kilometer von Farina entfernt, im Keller ein Fass mit Recioto, der so bitter schmeckte, dass Adelino ausrief: „È amarone!“ Also ziemlich bitter. Elena findet das gar nicht. Für sie ist der Amarone lieblich. „Du musst nichts vom Wein verstehen, um den Amarone zu mögen.“ Gut möglich, aber sie vergisst wohl, dass sie inzwischen ziemlich alles über Wein weiß.

Claudio ist ein Vulkan, Elena die Feuerwehr.

Sie und Claudio (im Bild). Zwei, die so verschieden sind, dass man meint, sie können sich nicht verstehen. Elena sagt bewundernd, Claudio habe das Unternehmertum im Blut. „Er ist ein Vulkan, er spuckt eine Idee nach der anderen aus.“ Sie selber wälze jede Entscheidung hundertmal, „er denkt überhaupt nicht“. Sie denkt an alle. An die Bauern, die ihre Trauben an die Kellerei liefern, seit vielen Jahren schon, an die Erntehelfer, die oft zu jung sind, um Zusammenhänge zu verstehen, an die Alten, die genau wissen, wie die Trauben zu trocknen sind und die sie nicht vergraulen will, an die elf Angestellten der Kellerei, die anpacken müssen, wo sie gebraucht werden.

Als Elena die Tränen kamen.

Alleine hätte sie es nicht geschafft. Davon ist Elena überzeugt. Wieder einmal fällt ihr ein, wie alle zur Stelle waren, als vor einigen Jahren in der Kellerei ein Feuer ausbrach. Es war der 30. September 2012, ein Sonntag früh morgens. Und plötzlich standen alle Mitarbeiter da und fragten, wie sie helfen könnten. „Mir sind die Tränen gekommen“, erinnert sich Elena.

Nur langsam versteht sie: Sie war nie ganz allein.