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Mit Alessandro konnte keiner rechnen

Gut, sagten die sizilianischen Bauern, dann lassen wir die Orangen halt von den Bäumen fallen. Zu hässlich seien diese geworden für die Kunden, unverkäuflich, hatten die Händler vor 20 Jahren verfügt. Die Bauern suchten sich einen Job und aßen ihre Orangen fortan selber. Mit Alessandro Rossi konnte ja keiner rechnen. Aus dem Veneto im Norden fuhr er 2016 nach Sizilien, hob die unförmigen Orangen vom Boden auf, war betört von ihrem Duft und gründete eine Marmeladenmanufaktur. Die kaum exklusiver sein könnte.

Wie Alessandro Rossi den Bauern einen Floh ins Ohr setzte

Qualität kann man orten lassen

Die Orangengärten und Zitronenhaine, aus deren Früchten Alessandro Rossi seine Marmeladen herstellen lässt, kann man mit den geografischen Koordinaten, die auf dem Etikett jedes Gläschens sichtbar sind, genau orten. Sogar das Datum der Ernte ist verzeichnet. Alle Früchte werden im Labor untersucht. Alessandro Rossi will keine bösen Überraschungen. Davon gibt es in der Lebensmittelindustrie schon zu viele, sagt er. Die Früchte, die für TerraAqua zu Marmelade verarbeitet werden, müssen einwandfrei sein. Nicht in der Form, aber in der Qualität.

Zigaretten sind nix für den Gaumen

Bis vor kurzem kannte Alessandro Rossi sich in landwirtschaftlichen Belangen aus wie all jene, deren Großeltern einmal Bauern waren. Also nicht besonders gut und mit einem leicht verklärten Blick. Rossis Vorfahren waren Wanderbauern. Sie heuerten bei Großgrundbesitzern in der Valpolicella im Veneto an. Arbeiteten sich hinauf. „Adelino Lucchese, der Onkel meiner Großmutter, hat den Recioto Amarone entwickelt“, sagt Alessandro. Der Vater handelte mit Obst und Gemüse und half Bauern bei Restaurierungen am Haus. „Im Sommer haben wir Kirschen gepflückt, mein Vater ganz oben im Baum, ich in der Mitte, meine Schwester unten.“ Der Duft reifer Früchte, danach gierte Alessandros Nase schon als Kind. „Und der Gaumen, das war ein Teil des Körpers, der in meiner Familie gehätschelt wurde“, erinnert er sich, „Rauchen und Alkohol gab es bei uns nicht.“ 

Früher Kartone, heute Gläschen aus Sizilien

Vor 25 Jahren kam das Obst dann plötzlich zu Weihnachten. Alessandro hatte geheiratet, die Wurzeln seiner Frau reichen bis Sizilien und zu den Festtagen trudelte jedes Jahr per Post ein mit Bindfaden verschnürter Karton voll Zitrusfrüchte ein. Gleichzeitig sah Alessandro, dass die Verwandten seiner Frau immer seltener von der Landwirtschaft lebten. Mit „cugino Nino“ kam er schließlich ins Gespräch. „Ich wollte ihre Tradition erhalten und für meine Familie, die immer für andere gearbeitet hat, endlich etwas Eigenes schaffen“, sagt er.  Alessandro wollte das Beste. Natürlich kultivierte Früchte aus Sizilien und anderen italienischen Regionen, eine nachvollziehbare Produktion, neue Geschmacksverbindungen. Und eine reine Weste. „Ich lege den gesamten Prozess vom Anbau bis zur Auslieferung offen.“

Wie der Funke auf die Bauern überspringt

In Sizilien findet er endlich einen Marmeladenmacher, dem er vertraut. Alessandro: „Er war skeptisch, aber ich gab nicht auf. Als wir uns zum dritten Mal trafen, sagte er Ja.“ So kam es, dass auch die Bauern wieder mitmachen wollten. Ihre Felder waren zugewachsen, ihre Zitrusbäume zum Teil 70 Jahre alt. „Aber die tragen noch“, freut sich Alessandro, „die halten viel aus, selbst wenn man sie eine Zeitlang nicht pflegt.“ Die Verwandten sind die Ersten, sie putzen ihre Haine, setzen die Trockenmauern instand, stutzen die Feigenkakteen, fichi d’India, die jede Baumreihe abschließen, stecken andere mit dem neuen Enthusiasmus an.

Das Duell um das beste Fingerfood

Alessandro Rossi ist der Funke, der überspringt. Er nutzt alle Kontakte, lässt die frischen Marmeladen verkosten, präsentiert ungewöhnliche Geschmackskombination, wie Zitronenkonfitüre im ungezuckerten Kaffee oder Pandoro, den italienischen Weihnachtskuchen, getränkt in Whiskey, mit einem Hauch Orangenmarmelade. In der Kochschule Teatro 7 in Mailand kriegten kürzlich zwei italienische Spitzenköche Wind von der Sache. Fabio Zanetello e Stefano Callegaro lieferten sich ein Duell, wer wohl das bessere Fingerfood mit TerraAqua Marmeladen kreiert, dazu mixte ein Barmann drei Cocktails auf der Basis der Marmeladen.

Die ehrliche Art, Produkte zu schaffen

„Die Leute finden die Philosophie dahinter toll. Die ehrliche Art, ein Produkt zu schaffen, das schon immer existiert hat. Das gibt ein gutes Gefühl“, resümiert Alessandro. Auf die Menge kommt es Alessandro Rossi nicht an. Es gibt, was es gibt. Seine jüngste Marmeladenlinie stammt von einem einzigen Birnbaum in Maniace an den Hängen des Ätna. Der Baum der Sorte Butirra ist 80 Jahre alt, hat eine Krone von acht Meter Durchmesser und trug heuer im Sommer 350 Kilo Birnen. Macht 500 Gläschen Marmelade.

Das sind die GPS-Koordinaten des Baums: 37°52’33.5’’; E 14°46’30. Haben Sie ihn gefunden?