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Wenn Italiener schweben wollen, gehen sie auf einen Ape.

Vor einem sind wir Italiener gefeit. Unser Leben geht nie vollständig in Arbeit unter. Wer könnte auch den Anreizen widerstehen, die die Kultur hier listig in den Alltag eingebaut hat? Alle wichtigen Dinge werden bei einem Kaffee in der Bar besprochen; das Gute daran ist, dass Probleme dann auch nur die Länge eines Espresso haben. Abends ist das anders. Knatsch und Ärger lässt man im Büro zurück, und in der Bar warten bereits die Freunde. Ein Ape, wie der Aperitif neuerdings genannt wird, geht sich, egal, was einem gerade um die Ohren fliegt, meistens aus. Wir begeben uns in einen Schwebezustand. Nichts mehr müssen, noch nicht müssen.

Die Durchgangsbar nach der Arbeit und vor dem Abendessen

Es ist 18 Uhr vorbei. Der Tag zieht sich zurück, das Abendlicht ist milde, man schaut kurz in die Runde, bestellt den Drink, der Zugehörigkeit signalisiert, und atmet erst einmal durch. Im Stehen, im Sitzen. Ein Tag ist geschafft. Ob es am Alkohol liegt, dass einem plötzlich leicht zumute ist, oder an der Gesellschaft, wir denken, es wirkt beides zusammen. Und jeder kann kommen und gehen, wie er will, man ist schließlich nicht zum Essen verabredet, sondern zum Aperitif. Das ist das „Voressen“, das Aufwärmen für die cena zu Hause oder im Restaurant. „Eine Art Durchgangsbar“ nannte Orlando Chiari, der legendäre Besitzer des „Camparino“ in Mailand, die Tradition, die bereits Verdi und Puccini ins Camparino trieb.

Die Bartender tun alles, um die Geschmackspapillen ihrer Gäste zu kitzeln. Getrunken wird Alkohol. Oder auch nicht. Dazu werden Häppchen serviert. Oliven, Salzgebäck, Petit fours, Chips, Nüsse, Pizzette oder lokale Spezialitäten. Gerade so viel, dass der Appetit angeregt wird, ohne den Hunger zu verderben. Die Mamma, die zu Hause am Abendessen kocht, will schließlich niemand vergraulen. Daran hat sich seit 200 Jahren nichts verändert.

Der Aperitif ist ein Kind des italienischen Nordens.

In Turin sollen die Italiener auf den Geschmack gekommen sein. In einem kleinen Spirituosenladen erfand Antonio Benedetto Carpano 1786 den Wermut, einen mit 30 Kräutern aromatisierten Weißwein. 1860 brachte Gaspare Campari dann in Mailand seinen Campari in Umlauf; bis heute ist das Rezept geheim, man weiß nur, dass Campari aus 60 Inhaltsstoffen besteht, darunter Chinin, Rhabarber, Granatapfel, Ginseng, Orangenschalen.

Wermut und Campari. Daraus entstehen die fünf Aperitif-Klassiker.

Mit ihren leicht bitteren Noten gelten Campari und Wermut als Aperitif-Renner. Bei fünf klassischen Drinks haben sie ihre Kräfte im Spiel:

  1. Dry Martini. Purer geht’s kaum. Gin als Basis, etwas Wermut, im Tulpenglas mit Olive auf Eis, geschüttelt, nicht gerührt.
  2. Americano. Der Legendäre. Roter Wermut, Campari und Soda, direkt im Glas gemixt. Angeblich ist der Drink nach dem italienischen Boxer Primo Carnera benannt, der 1934 in New York den Weltmeistertitel im Schwergewicht errang.
  3. Negroni. Der Kurstreiber. Roter Wermut, Campari, Gin. Der Negroni – angeblich der Lieblingscocktail des Grafen Negroni – wurde in den 1920er Jahren in der Bar Casoni in Florenz entwickelt. Er ist eine Abwandlung des Americano, indem das Soda durch Gin ersetzt wird. In der Bar Basso in Mailand wurde viel später der Negroni sbagliato, der falsche Negroni, kreiert, an dem vor allem die Frauen Gefallen finden: Prosecco ist eben lieblicher als Gin.
  4. Spritz. Der Platzhirsch. Campari oder Aperol, Weißwein, Soda. Der erste Cocktail, der uns in den Sinn kommt, und jener Aperitif, der es in den vergangenen Jahren über die Alpen geschafft hat.
  5. Campari Orange. Der, der die Gegensätze von Nord und Süd vereint: mailändischen Campari und die Orangen aus Sizilien. Der Aperitif war ursprünglich nach Garibaldi benannt, einem der Protagonisten der italienischen Einigung im 19. Jahrhundert. 

Garibaldi muss vielleicht noch einmal ausrücken.

Garibaldi ging als Sieger in Italiens Geschichte ein. Bei der Aperitivo-Kultur zeigten sich die Süditaliener jedoch standhaft. Das gehörte nicht zu ihnen. Sich zum Aperitivo zu treffen, ist eine Sache des Nordens geblieben. Dort allerdings lief Mailand Turin in den 1920er Jahren den Rang ab und setzte sich als Aperitif-Hauptstadt an die Spitze. In den 1960er Jahren gingen die Mailänder sogar noch zu Mittag auf einen Aperitivo, wissen die eingesessenen Barkeeper. Das schaffen wir heute – nun ja – höchstens am Samstag. Wir probieren es eben. Denn: Wer bricht schon gerne mit lieb gewonnenen Traditionen?